
Von Gilles Catherin
Mit 2.800 Mitarbeitern und einem Umsatz von 400 Millionen Euro gehörte Sicpa Packaging beim Kauf durch Siegwerk 2005 zu den größten Anbietern von Verpackungsdruckfarben weltweit. Der Geschäftsbereich war in 36 Ländern der Welt mit eigenen Niederlassungen und Produktionsstätten vertreten.
Sicpa Packaging war bis 2005 Teil der 1927 in Lausanne gegründeten Firma »Société industrielle et commerciale des produits pour l´alimentation« (Industrielle und kommerzielle Gesellschaft für Ernährungsprodukte, später »Société Industrielle Chimique des Produits Agronomiques«), für die sich schon bald die Abkürzung »Sicpa« eingebürgert hatte.
Als technischer Partner der Verpackungsdruckereien realisierte Sicpa Packaging fortschrittliche Ideen und Konzepte. Zum Beispiel stellte man in Frankreich Druckereien und Weiterverarbeitern erstmals Dosieranlagen zur Verfügung, die eine automatische Mischung der Farben aus Konzentraten erlaubten und mit deren Hilfe die Kunden die Farben besser verwalten und damit Zeit und Geld sparen konnten. Auch die Verbreitung des berühmten Farbmeters von Pantone auf dem französischen Markt war ein Erfolg. Ebenso richtungweisend war das schnelle Liefersystem von Annemasse (bei Genf), in das die beiden Niederlassungen in Angoulême und in Mitry-Mory nach ihrer Modernisierung eingebunden wurden.
Sehr schnell entstand im Bereich Verpackungsfarben eine leistungsfähige Forschungsabteilung mit vielen Mitarbeitern. Hoch qualifizierte Chemiker und Ingenieure leiteten die Labors und arbeiteten mit den modernsten Geräten: Gas-Chromatografen mit hoher Auflösung, Flüssig-Chromatografen, Infrarotspektrometer und Elektronenmikroskop.
Den Beschäftigten in den Anwendungs- und Kontrolllabors des Verpackungsbereichs stand eine Versuchsdruckerei mit Maschinen für Offsetdruck, Dreifarben-Tiefdruck sowie UV-Trocknung zur Verfügung, so dass sie die Anwendung der Produkte unter semi-industriellen Bedingungen testen konnten. Im Farben-Versuchslabor, das mit einem Spektrometer ACS 1800 ausgestattet war, wurden alle Kundenfragen zu Farbtönen bearbeitet. Gemeinsame Entwicklungsversuche mit den Zulieferern von Farben, Kunststoffen und den Maschinenbauern ermöglichten den Zugriff auf die neuesten Produkte und Konstruktionen und beschleunigten so die Entwicklung neuer Druckfarben für Verpackungen. Im Schulungszentrum in Annemasse informierte Sicpa Drucker und Zulieferer über Druckfarben, Druckprozesse und Farbmanagement.
Sicpa Packaging verfolgte die Strategie, mit Produkten von höchster Qualität Kunden im so genannten High-End-Marktsegment zu gewinnen. Mit den Produkten für Verpackung und Dekor konnte Sicpa Packaging den Verpackungsdruckereien umfassende Lösungen für schnellen Qualitätsdruck anbieten.
Eine große Herausforderung für den Bereich Verpackungsfarben war die starke Konkurrenz aus Japan mit ihrer besonderen Qualitäts- und Innovationskultur. Deren Druckfarben liefen gleich in der ersten Anwendung beim Kunden gut, so dass die japanischen Firmen trotz ihres geringeren Service 60 Prozent des High-End-Markts in Asien bedienten. Um die Kunden möglichst effektiv zu unterstützen, richtete Sicpa Packaging ein weltweites Netzwerk von Laboren und Kompetenzcentern ein. Die Qualität der Sicpa-Verpackungsfarben baute auf strengen Prozesskontrollen nach der Richtlinie zero defect (fehlerfrei) auf. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung betrugen mit im Schnitt bis zu drei Prozent des Jahresumsatzes das Dreifache des Branchendurchschnitts. Sicpa Packaging unterhielt 26 Zentren für Forschung und Entwicklung weltweit. Die Mitarbeiter vor Ort kannten Preise, Rohstoffe, Einfuhrzölle und Gesetze auf dem lokalen Markt. So konnten sie die Druckfarben an die lokalen Bedingungen anpassen und Neuheiten einführen. Dieses Geschäftsmodell schätzten besonders die großen Kunden wie Tetra Pak, denn Sicpa Packaging garantierte einen Technologietransfer ohne große Reibungsverluste.
Der Verpackungsmarkt in Europa ist von immer neuen Regulierungen geprägt, die vor allem die Sicherheit und gesundheitliche Unbedenklichkeit von Lebensmittelverpackungen betreffen. Deswegen entwickelte Sicpa Packaging neue Lösungen, so dass immer mehr Patente angemeldet und in immer kürzeren Abständen neue Produkte zur Marktreife gebracht wurden.
Die wichtigste Innovation der letzten Jahre war die Polyurethan-Technologie. Das bahnbrechende Konzept, PU als Hochleistungsbindemittel zu benutzen, wurde vollständig in den Laboren in Annemasse entwickelt. Bei diesem Verfahren erhalten Kunden ein Farbpaket und dazu hochwertige Bindemitel. Damit kann die gleiche Druckfarbe in Kombination mit verschiedenen anderen Komponenten für die unterschiedlichsten Anwendungen eingesetzt werden. So wird die Lagerhaltung überschaubarer, ohne dass die Druckerei Abstriche gegenüber den Wünschen der Weiterverarbeiter machen müsste.
Sicpa Packaging erhielt fünf wichtige Patente für den flexiblen Verpackungsdruck, die auf dieser Technologie basieren.
Das Streben nach Innovation zeigte sich auch in anderen Segmenten wie dem konventionellen Offsetdruck – beispielsweise für luxuriöse Kosmetikverpackungen. Bisher musste vor dem UV-Glanzlack eine wasserbasierte Schicht aufgetragen werden, weil die herkömmlichen mineralölbasierten Offsetfarben sich nicht mit den UV-Lacken vertrugen. Die neue, auf innovativen Harzsystemen basierende Offsetfarbe macht dieses wasserbasierte Verfahren unnötig und trägt so maßgeblich zur Kostensenkung bei.
Der Autor, Dr. Gilles Catherin, leitet seit 2005 den Bereich Strategic Product Innovation (SPI) von Siegwerk. Zuvor war er bei Sicpa Packaging als weltweiter Leiter für alle Technologie-Bereiche verantwortlich.
Aus rechtlichen Gründen war eine ausführliche Darstellung der Geschichte von Sicpa Packaging leider nicht möglich.